Der Holzspan
  2004
 
Weiß-Tanne (Abies alba)

Die Weiß-Tanne (Abies alba), auch Edeltanne genannt, ist eine Nadelbaumart der
Gattung Tannen (Abies) aus der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Sie kann
ein Höchstalter von 500 bis 600 Jahren erreichen. Der Name leitet sich von der
im Gegensatz zur Gemeinen Fichte auffallend weißgrauen Rinde ab.

 Beschreibung
 
Habitus

Sie erreicht eine Wuchshöhe von 30 bis 50 Metern, im Einzelfall sogar bis
65 Meter bei einem Brusthöhendurchmesser von bis zu 2, in Extremfällen bis
zu 3,8 Meter. Während die Hauptäste in Scheinquirlen abgehen sind die kleineren
Äste spiralig angeordnet. Die Kronenform kann stark variieren und hängt vor
allem vom geographischen Standort und dem Lichtverhältnissen ab. Junge Bäume
die unter optimalen Lichtverhältnissen wachsen bilden eine spitze Krone aus.
Überwachsene Jungbäume sind flachkronig entwickeln aber nach einer Freistellung
schnell eine lange spitze bis spitzkegelförmige Krone. Bei Altbäumen reduziert
sich das Höhenwachstum der Gipfeltriebe die obersten Seitentriebe wachsen
jedoch noch ihn die Länge. Durch das anhaltende Längenwachstum der Seitentriebe
bildet sich eine so genannte „Storchennestkrone“ aus welche auch bei, durch
Stress vorzeitig gealtertern, Jungbäumen auftreten kann. Schlafende Triebe
können entlang ders Stammes Klebäste bilden.

Nadeln

Die Zweige der Weiß-Tanne sind stumpf graugelb und weisen verstreute kleine
dunkle Haare auf. Junge Zweige sind dicht braun behaart. Sie sind rau und nicht
gefurcht. Leittriebe von Jungpflanzen sind glänzend blaßgrau. Die Zweige des
Gipfelquirls sind aufwärts gekrümmt. Die Knospen sind eiförmig, rotbraun und
harzig. Die Nadeln sind 2 bis 3 cm lang, 2 bis 3 mm breit, im Querschnitt flach,
oberseits dunkelgrün, mit schwach eingesenkter Mittelrippe. Die Unterseite ist
dunkelgrün und weist zwei bläulichweiße (Wachs) Spaltöffnungen und eine
erhabene Mittelrippe auf. Die Nadeln sind am Ende stumpf, nicht stechend, ein
wenig eingekerbt, mit grüner Basis und dem Zweig aufsitzend. Die Nadeln können
aber auch stachelig und dann ohne Einkerbung sein. Sie sind schraubig am Zweig
angeordnet und stehen etwas gedreht. Sie fallen nach sieben bis elf Jahren ab.
Beim Zerreiben riechen die Nadeln der Weiß-Tanne aromatisch nach Orangenschale.

Rinde

Die Rinde der Weiß-Tanne ist weißgrau; glatt bei jungen Individuen, mit
Harzbeulen; bei älteren Bäumen immer mehr in kleine Felder mit schmalen, tiefen
Rissen zerbrechend.

Wurzelsystem


Ein wesentliches Merkmal der Wurzelform der Weiß-Tanne ist die Beständigkeit,
auch bei unterschiedlichen Standorten. Die Polwurzel ist deutlich vorwüchsig.
Die Tanne zählt daher zu den am tiefsten wurzelnden Nadelbäumen, anders als
die Gemeine Fichte. In Deutschland erreicht sie Wurzeltiefen von gut 1,50 m,
in den wärmeren Teilen Österreichs sogar knapp 3 m. Untersuchungen haben
ergeben, dass die Wurzeln der Tanne weit über ihren Kronenbereich hinauswachsen
und horizontale Längen von teilweise 10 m erreichen. Ältere Bäume bilden
gewöhnlich kräftige, starkverzweigte Senkwurzeln an den Seitentrieben aus, die
fast so tief wie die Polwurzel gründen. Dadurch ist sie sehr sturmsicher und
besiedelt auch feuchtere Böden. In Untersuchungen wurde gezeigt, dass die
Weiß-Tanne unter den Nadelbäumen am häufigsten Wurzelverwachsungen aufweist.
So wurden in einem geplenterten Tannenwald in Kroatien bei 30 bis 60 Prozent
der Bäume Wurzelverwachsungen nachgewiesen. In den Plenterwäldern des
schweizerischen Emmentals sollen etwa ein Drittel der Tannenbaumstümpfe
zwischen 10 und 20 Zentimeter miteinander verwachsen sein.

Blüten, Zapfen und Samen


Die Tanne wird mit 30 bis 40 Jahren, im Bestandsschluß mit 60 bis 70 Jahren
geschlechtsreif. Sie trägt je nach Klima, alle zwei bis sechs Jahre reichlich
Samen. Die Blütezeit ist im Mai bis Juni. Die Bäume sind einhäusig
getrenntgeschlechtig (monözisch), es gibt also weibliche und männliche Blüten
an einem Baum. Die Zapfen wachsen nur im oberen Kronenteil an vorjährigen
Trieben. Die männlichen Blüten sind walzenförmig, 2 bis 2,5 cm lang und
gelblich und kommen gehäuft im mittleren und oberen Kronenteil vor. Die Pollen
weisen zwei Luftsäcke auf. Die weiblichen Blüten stehen auf der Oberseite der
Zweige, sind zylindrisch und 2,5 bis 5 cm lang und sind blaßgrün gefärbt. Sie
weisen spitze, horizontal abstehende Deckschuppen auf. Männliche und weibliche
Blüten sind nur sehr selten auf demselben Zweig zu finden. Die Bestäubung
erfolgt durch den Wind (Anemophilie). Die im ersten Jahr (Sept./Okt.) reifenden
Zapfen stehen aufrecht auf den Zweigen, sind anfangs grünlich, später
orangebraun, schließlich hell- bis rötlichbraun, walzenförmig, etwa 10 bis
16 cm lang und 3 bis 4 cm breit. Zwischen den Samenschuppen ist der obere,
zurück gebogene Teil der Deckschuppen zu erkennen. Kurz nach der Reife lösen
sich Schuppen und Samen von der verholzten Zapfenspindel, die noch lange, oft
noch Jahre, stehen bleibt. Tannenzapfen fallen also nicht als Ganzes auf den
Boden, sondern die einzelnen Schuppen und die Samen fallen einzeln vom Baum.
Die im Volksmund so genannten Tannenzapfen auf dem Waldboden sind nie von
Tannen, sondern meistens Fichtenzapfen. Der Same ist etwa 6 bis 10 mm lang,
dreieckig, dunkelbraun, glänzend, weich mit deutlichen Harztaschen. In jeder
Samenschuppe befinden sich zwei Samen. Der Samen ist mit einem Samenflügel
verwachsen. Das Tausendkorngewicht der Samen beträgt 50 bis 55 g. Die Samen
werden vom Wind verbreitet. Nur 30 bis 60% der Samen sind keimfähig.

Verbreitung und Lebensraum

Das Hauptverbreitungsgebiet der Weiß-Tanne umfasst die collinen bis subalpinen
Regionen Mittel- und Südeuropas. Die Westgrenze des Hauptverbreitungsgebietes
verläuft entlang des Schweizer Juras über den westlichen Teil des Schwarzwaldes
und Thüringen bis zur Niederlausitz. Weiter westlich findet man noch
Teilvorkommen im französischen Zentralmassiv und in den Pyrenäen. Die
Nordgrenze verläuft etwas südlich von Warschau sowie durch das Grenzgebiet von
Galizien und Wolhynien. Nach Süden kommt die Art bis in die Gebirge der
Balkanhalbinsel sowie der südlichen Ausläufer des Apennin und auf Korsika vor.
Im Osten umfasst das Verbreitungsgebiet den gesamten Karpatenbogen. Innerhalb
des Verbreitunggebietes fehlt die Art nur in Trockengebieten und Tieflagen wie
im Prager Becken, Südmähren, der ungarischen Tiefebene und den Gebieten
westlich von Wien. Im gesamten Verbreitungsgebiet ist der Weiß-Tannenanteil an
der Waldfläche in den letzten 200 Jahren aufgrund von verschiedenen
natürlichen Einflüssen und falscher waldbaulicher Behandlung stark
zurückgegangen. Menschliche Anbauten erfolgten vor allem entlang der
Nordwestküste Europas.

In Mittel- und Südeuropa kommt sie vor allem im Gebirge vor. Im Nordosten des
Verbreitungsgebietes findet man sie aber auch im Flach- und Hügelland. So
findet man die Art in Minsk ab einer Höhe von rund 130 Metern. Die Obergrenze
ihrer vertikalen Verbreitung steigt von Norden nach Süden an und liegt im
Thüringer Wald, im Frankenwald und im Fichtelgebirge bei rund 800 Metern
während er in den Seealpen bei 2.100 Metern liegt. Im Pirin-Gebirge findet man
die Art sogar noch in 2.900 Metern Höhe. Die Art wächst nicht gern an
trockenen Steilhängen, in Flussauen oder an stark versauerten Standorten.

Genetik, Wanderungen, Herkünfte

Tannen im Urwald des Orjen Gebirges haben abgerundete Kronen und gehören zu
den genetisch Komplexesten Typen im natürlichen Areal der Art

Die wesentliche Ursache für das heutige Verbreitungsmuster sowie die
genetische Landkarte der Weiß-Tanne ist durch die Entwicklung der letzten
Eiszeit gekennzeichnet. Im Verlauf der Abkühlung und den Vorstoß des
Inlandeises kam es in weiten Teilen Europas zur völligen Vernichtung der
tertiären Vegetation und Aussterben großer Teile der Flora. Auch das
Verbreitungsgebiet der Weiß-Tanne wurde auf sogenannte eiszeitliche Refugien
eingeengt. Heutige Unterschiede der genetischen Struktur resultieren aus in
pleistozänen Refugien gebildeten Genpools, sowie der Jahrtausende währenden
nachpleistozänen Wanderungs- und Ausbreitungsgeschichte der Weiß-Tanne. Um
bestehende Hypothesen zur Lage glazialer Refugien und nacheiszeitliche
Rückwanderungswege der Tanne zu prüfen oder neue Erkenntnisse hierüber zu
gewinnen, kommen molekularbiologische Methoden zur Anwendung.

Dabei ließ sich eine deutliche Zweiteilung im natürlichen Verbreitungsgebiet
erkennen, mit einem westlichen Teil (Iberische Halbinsel, Massif Central,
Vogesen, Schwarzwald, Schweiz und mittleres/südliches Italien), sowie einem
östlichen Teil mit Teilen des Balkans und der Karpaten. Daneben wurden
Mischpopulationen bisher vor allem in Norditalien und Kroatien identifiziert.
Die untersuchte Population aus den Pyrenäen mit der dort gefundenen geringsten
genetischen Diversität lässt eine drastische Verringerung der Populationsgröße
in der Vegetationsgeschichte als Grund der Merkmalsausprägung zu. Die
Untersuchten Populationen aus Kroatien sind mit der höchsten genetischen
Diversität ausgezeichnet, die auf eine „ungestörte“ Populationsgröße und
Durchmischung von genetischen Varianten aus zwei verschiedenen Refugien
zurückgeführt wird. Für italienische Teilareale wurde belegt, dass die
Populationen der Abruzzen aus einer postglazialen Vermischung von zwei
unterschiedlichen Gruppen herrühren, die süditalienischen Populationen blieben
genetisch isoliert. Drei pleistozäne Refugien in Südeuropa sind lange vermutet
worden. Aufgrund der Verteilung von Gen-Varianten wird heute auf fünf Refugien
geschlossen.

Die Rekolonisierung Mittel- und Westeuropas ist von drei Refugien ausgegangen.
Die Kalabrische und Pyrenäen-Population haben an der Wanderung nicht
teilgenommen.

Die postglaziale Wiederbesiedlung erfolgte von

   1. Einem Refugium in Zentralitalien via der „West-Alpen“- und
        „Ost-Alpen“-Route;
   2. Ein Refugium im zentralen oder östlichen Frankreich (Massif Central?),
    das die Tannenpopulationen im Westen Mitteleuropas beeinflusst hat
        (Vogesen, Schwarzwald, Schweizer Jura)
   3. Refugien im südlichen und südöstlichen Balkan.

Die nacheiszeitliche Expansion von den Balkanrefugien ging über die Dinariden
nach Slowenien und zu den Karpaten. Im slowenisch/nordost-italienischen
Bereich kreuzten sich die Routen. Bis zum Ende des Spätglazials waren zehn
Prozent des heutigen Areals wiederbesiedelt. Die Rückwanderung aus Apennin und
Dinariden erfolgte auf dem Alpenweg nach Mitteleuropa,
im Osten auch über die Karpaten.

Nutzung


Holz

Weiß-Tannen aus Gersbach stützen auf dem Messegelände der Expo 2000 das größte
freitragende Holzdach der Welt

Die Weiß-Tanne gehört zu den Reifholzbäumen, das heißt ihr Splint- und
Kernholz lassen sich farblich nicht unterscheiden. Die Holzfarbe ist frisch
gelblichweiß bis grauweiß und dunkelt unter Lichteinfluss gelblichbraun nach.
Das Tannenholz ist leicht, weich, elastisch, trocknet schnell, schwindet wenig
und arbeitet gering. Die Rohdichte liegt bei 0,47 g/cm³. Im Gegensatz zu
anderen Nadelhölzern besitzt die Tanne keine Harzkanäle und ist deswegen
harzfrei. Als Besonderheit bilden manche Weiß-Tannen einen Nasskern aus.
Dieser besitzt eine sehr hohe Holzfeuchte (bis 220 %) und riecht, anders als
gesundes Holz, unangenehm säuerlich. Der Nasskern erschwert die Trocknung,
danach besteht aber kein Unterschied zu normalen Tannenholz.

Das Holz der Weiß-Tanne wird ähnlich dem Fichtenholz verwendet, ist aber
weniger gelbstichig und harzt nicht. Es dient als Bauholz, für Dielen,
Schindeln, Kisten und Schachteln und wird in der Möbel- und Papierindustrie
verwendet. Auch für Musikinstrumente findet es Verwendung (z. B. Orgeln und
Geigen). Aufgrund der stilvollen samtig silbergrauen Oberflächen erfreut sich
unbehandeltes Tannenholz bei Innenausbauten und der Herstellung hochwertiger
Möbel steigender Beliebtheit. Bei wechselnder Feuchte ist Tannenholz
dauerhafter als Fichtenholz, weswegen es im Wasser- und Erdbau genutzt wird.
Eine besondere Verwendung finden besonders starke und astfreie
Tannenholzabschnitte. Sie werden nach Japan exportiert, wo aus ihnen
Totenbretter gefertigt werden.

Aufgrund bislang geringer Tannenholz-Einschlagsmengen stellt die Verarbeitung
für die an Massensortimenten interessierte Sägeindustrie einen gewissen
Mehraufwand dar. Im Vergleich zur Fichte können die industriellen
Holzeinkäufer daher für Tannenholz einen zehn- bis zwanzigprozentigen
Preisabschlag durchsetzen. Da die Tanne aber seit den europaweiten G
roßkatastrophen in den Fichtenforsten (Sturm, Borkenkäfer) vielerorts eine
wahre Renaissance erlebt, ist damit zu rechnen, dass die Einschlagsmengen
mittelfristig steigen werden und die Holzindustrie diesem Segment größere
Beachtung schenken wird.

Tannenhonig

Die Weiß-Tanne ist auch der Wirtsbaum einiger weniger Honigtau erzeugender
Schild- und Rindenläuse, etwa der Grünen Tannenhoniglaus (Cinara pectinatae).
In manchen Jahren kommt zu einer Massenvermehrung dieser Läuse. Werden dann
Bienenvölker in diesen entsprechenden Waldgebieten aufgestellt, kann es zu
einem guten Ertrag des Tannenhonigs führen.

Krankheiten und Schädlinge

Infolge umweltbedingter Stressfaktoren war bei der Tanne in Teilbereichen des
Verbreitungsgebietes seit langem ein teilweise alarmierender Rückgang zu
verzeichnen. Betroffen sind überwiegend mitteleuropäische Standorte an den
Verbreitungsrändern mit nord- bis nordöstlichem Schwerpunkt. Das Tannensterben
ist schon seit dem 16. Jahrhundert aus Böhmer- und Frankenwald bekannt und trat
mit kürzeren oder längeren aktiven Perioden und längeren Erholungsabschnitten
auf. Betroffen sind Schwarzwald, Thüringer Wald und Erzgebirge, Frankenwald,
Wienerwald sowie Slowenien. Als „Mimose des Waldes“ in Verruf, ignorierte man
diese bei forstlichen Anbauten geflissentlich. Die Bestände sind im
überwiegenden Teil der Verbreitung daher auch aus autochthonen Beständen
aufgebaut.

Ihr wechselhaftes Schicksal im Bergwald und die komplexe innerartliche
Variabilität, wurde durch ökologisch-waldbauliche Langzeituntersuchungen und
molekularbiologische Analysen innerhalb der natürlichen Arealgrenzen erkundet.
Langzeitbeobachtungen (Provenienzforschung) und experimentelle Forschung zur
Erfassung von Anpassungsvorgängen der Populationen an Umweltveränderungen und
neuerdings molekularbiologische Untersuchungen, haben das heterogene
Adaptionsvermögen der einzelnen Populationen an herrschende Standortfaktoren
mit der größeren genetischen Vielfalt südlicher Herkünfte geklärt.

Erkenntnisse der genetischen Unterschiede innerhalb der Art sind daher
natürlich in der forstwirtschaftlichen Praxis relevant. Vom ökologischen
Aspekt wirkt der in den Teilpopulationen andersgeartete Genpool und das
resultierende unterschiedliche Adaptionsvermögen der anspruchsvollen Waldbäume
in der Standortsindikation erschwerend, auf das schon Fukarek (1964) hinwies.

Die holozäne Migration der Weiß-Tanne, aus anscheinend nur minimalen
Restpopulationen in Südeuropa, resultierte in einer beachtlichen Expansion bis
ins nordöstliche Mitteleuropa. Die erfolgte Trennung und anschließende
Rückwanderung aus pleistozänen Teilrefugien zeitigte bei Abies alba in
mehrfacher Hinsicht Auswirkungen. Sie ist zum Verständnis umweltbedingter
Reaktionen der Art wesentlich und steht daher auch bei aktuellen
molekularbiologischer Untersuchungen der Art im Mittelpunkt. Die lange
Isolierung ist an Genotypen, die sich aufgrund Mutationen, Gendrift und
schwacher Selektion vor allem der Existenz seltener Allele untereinander
unterscheiden, festgehalten. Genetische und morphologische Veränderungen
einzelner Herkünfte rechtfertigen aber keine taxonomischen Ansätze einer
Differenzierung.

Aufgrund der forstwirtschaftlichen Bevorzugung der Fichte ist die Tanne heute
in ihrem natürlichen Vorkommensgebiet selten geworden. Durch die industrielle
Luftverschmutzung wurde sie zusätzlich im Bestand geschwächt. Bereits vor dem
Phänomen der neuartigen Waldschäden (bekannt unter dem Schlagwort „Waldsterben“)
war das „Tannensterben“ auffällig. Heute geht man davon aus, dass damals die
Weiß-Tannen nördlich der Alpen eine Vorschädigung ihrer Wurzeln durch
Phytophthora erleiden mussten. Zusammen mit einer schweren Trockenheit führte
dies zu erheblichen Ausfällen im Bestand. Seit Anfang der Achtzigerjahre hat
sich zumindest in Süddeutschland die Vitalität vieler Alttannen aufgrund der
industriellen Rauchgasentschwefelung (Großfeuerungsanlagenverordnung 1982)
deutlich verbessert. Dies ist an längeren Jahrestrieben, breiteren Jahresringen
und üppigem Samenfall zu erkennen. Als Hauptgefährdungsfaktor kann heute
vielerorts Totverbiss aller jungen Tannenschößlinge durch überhöhte Bestände
an Reh- Rot- Dam und Gamswild angesehen werden. Der bei überhöhten
Wildbeständen notwendige Zaunschutz der Jungtannen stellt einen im Vergleich
zur Fichte erheblichen forstwirtschaftlichen Mehraufwand dar. Dies und die
Scheu vor möglichen Konflikten mit der an hohen Wildbeständen interessierten
Jägerschaft diskreditieren die Weiß-Tanne bei vielen Waldbesitzen. Dies führt
mancherorts zu einer letztendlich jagdlich begründeten und regional
existenzbedrohenden Zurückhaltung der Waldbesitzer beim Anbau der Weiß-Tanne.

Systematik

Waldbauliche Eigenarten

Die Tanne ist eine typische Baumart des Bergmischwaldes. Sie wächst
vergesellschaftet mit Fichte, Buche, Bergahorn und in tieferen Lagen auch mit
Eiche. Waldbaulich ist sie eine interessante Art, da sie eine ausgesprochen
schattenertragende Baumart ist. So kann sie zum Beispiel bis zu 100 Jahren
unter Schirm (Beschattung durch ältere Baumarten) stehen und wächst nach
Freistellung sehr schnell. Die Weiß-Tanne ist empfindlich gegenüber Spätfrost
und gefährdet durch Wildverbiss.

Als im so genannten Supersommer 2003 viele Fichten an Wassermangel und
anschließendem Insektenbefall starben, verblüffte die bis dahin als äußerst
wasserbedürftig geltende Weiß-Tanne die Fachwelt vielerorts durch eine
unerwartet große Trockenresistenz.

Die Tanne kann forstlich nicht über ihr natürliches Verbreitungsgebiet
erfolgreich angebaut werden. Der norddeutsche Küstenraum stellt – vermutlich
aufgrund der hohen Luftfeuchte – eine Ausnahme dar.

Auf günstigen Standorten zeigen Tannen ausgezeichnete Massenzuwächse und
außerordentlich vorratsreiche Waldbestände mit deutlich über 1000 Kubikmeter
Holz je 10.000 Quadratmeter Waldfläche. Damit übertrifft sie auf ihr
zusagenden Standorten auch die Fichte.

Durch ihre leichter sich zersetzende Nadelstreu (die aufgrund der Pfahlwurzel
auch Nährstoffe aus tiefergelegenen Bodenhorizonten enthält und somit als
„Nährstoffpumpe“ dient) ist sie zudem bodenpfleglicher als die Fichte.

Die Weiß-Tanne nimmt unter den europäischen Nadelbaumarten in der
gesellschaftlichen Einbindung eine Sonderstellung ein (Ellenberg):

„Die Weißtanne (hat) viele Beziehungen zur Rotbuche und bildet mit Fagus
so häufig Mischbestände, daß sie von den meisten Autoren als Charakterbaum
des Fagion-Verbandes oder der Ordnung Fagetalia angesehen wird. Überhaupt
verhält sie sich von allen Koniferen Mitteleuropas am „laubholzähnlichsten“,
obwohl sie, im Gegensatz zur Lärche, ihre dunklen Nadeln im Winter nicht
verliert und im Wuchs eher der Fichte ähnelt“.

Die überwiegende Einbindung in mittleren Lagen montaner Wälder ozeanischer und
gemäßigt kontinentaler Klimaverhältnisse, bekräftigt, dass die Weiß-Tanne vor
allem luftfeuchte Gebirgslagen mit abgeschwächten Extremen besiedelt. Sie
wächst überdies im Regenschatten von Gebirgen sowie in inneralpinen Tälern.

Im südmitteleuropäischen Verbreitungsschwerpunkt stimmt das alpisch-herzynisch-
karpatische Hauptareal mit dem der Fichte weitgehend überein, auf dem Balkan,
im Apennin und den Pyrenäen greift sie in (sub-) meridional-montane Habitate
aus. In submontanen Bereichen des Apennin kann die Weiß-Tanne daher auf gut
wasserversorgten Böden als Element des Eichen-Kastanienwaldes vorkommen, auf
Korsika mischt sie sich an der unteren Verbreitungsgrenze mit Hartlaubelementen
(Steineiche, Manna-Esche, Baumheide, See-Kiefer) und in Dalmatien tritt sie im
Hopfenbuchenwald auf.

Weiß-Tannen verlangen eine etwa dreimonatige frostfreie Vegetationszeit und
eine mindestens dreimonatige Winterruhe. Jahresniederschläge von 800 mm werden
als Minimum angesehen. Geringere Werte, zum Beispiel 520 mm an der Arealgrenze
in Polen, können durch ein günstiges Bodenwasser-Angebot kompensiert werden.
Das Optimum liegt bei etwa 1200 mm, dabei sollte der größere Teil als Regen
während der Vegetationsperiode fallen. Sommerliche Trockenheit begrenzt das
Vorkommen der Art, was unter anderem für tiefere Lagen Südeuropas und für
inneralpine Täler zutrifft. Generell ist ein ausreichender Wasserhaushalt für
das Gedeihen der Weiß-Tanne wichtiger als eine gute Nährstoffversorgung. Die
Art ist weitgehend bodenvag. Sie gedeiht sowohl auf karbonatreichen Substraten
wie auf basenarmen Silikatböden, weiterhin auch auf Rendzinen, auf podsolierten
und vergleyten Böden. Sie stellt geringe Ansprüche an die Durchlüftung des
Bodens und eignet sich dank des guten Aufschlussvermögens bestens für die
Besiedelung dichter und schwerer tonreicher Substrate.

In den schweizerischen und französischen Westalpen, südöstlichen Ostalpen und
dem Apennin ist ein Abietetum im ökologischen (soziologischen) Optimum der
Tanne, also ohne Konkurrenz anderer Baumarten, durch mittlere (bis schwach-
bessere) Wuchsleistungen gekennzeichnet, gebildet. Natürliche Tannen-
Buchenwaldgesellschaften (Abieti-Fagetum) findet man im ozeanischen
Klimabereich des Alpenraumes und zwar auf tiefgründigen, frischen bis feuchten,
dennoch genügend durchlüfteten, lehmigen Böden mit hohen Feinerdeanteilen.
Luftfeuchte Lagen und hohe Niederschläge sind wichtige Voraussetzungen für das
vorkommen dieser Waldgesellschaft. Die jeweilige geologische Unterlage
beeinflusst die Baumartenmischung: Laubbäume (Buche) werden auf Kalk, Dolomit
und tonarmen Moränen gefördert, einen hohen Tannenanteil trifft man auf
Silikatgestein, Flysch, tonreichen Schiefern und verdichteten skelettarmen
Moränen an.

Das Konkurrenzgleichgewicht quantitativ zu Gunsten von Tanne ist auch auf
stärker bodensauren, feinerdereicheren, nachhaltig frischen (bis
pseudovergleyten) Standorten verschoben. Mit dem Übergang von der oberen
montanen zur subalpinen Stufe scheidet die Buche im Alpenraum allmählich aus,
die Tanne beginnt zu dominieren und der Anteil von Fichte, in geringem Maß
auch von Lärche, Bergkiefer und Bergahorn nimmt deutlich zu. Derartige Fichten-
Tannenwälder (Abieti-Piceetum) unterteilt man in mehrere Untergesellschaften.
Sie stocken mehrheitlich auf ebenen oder mäßig geneigten, luftfeuchten
Standorten mit frischen, tiefgründigen, oft lehmig-tonigen Böden. Zu
buchenreichen Gesellschaften besteht jedoch immer ein engerer Kontakt als zum
Fichtenwald.

Eindeutig begrenzt ist die Tanne dann im tiefsub-alpinen Fichtenwaldmilieu. In
den stärker ozeanischen Dinariden ist dagegen die Buche bevorzugt und Tanne
scheidet schon in der oberen montanen Stufe aus. Reinbestände der Weiß-Tanne
finden sich in der illyrischen und balkanischen Buchenwaldzone auf
nadelholzfördernden Böden.

Solche azonalen Extremfälle sind die Verbände Blechno-Abietetum auf der sauren
und Calamagrostio-Abietetum (Dinarischer Karst-Blockhalden-Tannenwald) auf der
basischen Seite im hochgebirgigen Tannenwald. Hier ist die bodenbasische
Unterlage als tannenfördernd anzusehen, ebenso sind nachhaltig bodenfrische,
bodensaure Moder-Rohumusstandorte bevorzugt. Zu Austrocknung neigende Standorte
werden gemieden.

Die Vitalität der Tanne wird durch nachhaltige Bodenfrische, mäßig saure
Moderstandorte, basenreiche Hangschuttböden und einen mäßigen Buchenwaldeinfluß
gefördert. In schattigen Lagen verläuft das Wachstum sehr langsam.
Höhenzuwächse von drei Zentimetern und ein Durchmesserzuwachs von weniger als
einem Millimeter pro Jahr während lang andauernder Unterdrückung haben keinen
nachteiligen Einfluss auf das spätere Wachstum. Unter günstigen
Lichtverhältnissen zeichnet sich die Weiß-Tanne jedoch durch ein rasches, lang
anhaltendes Wachstum aus und schließt das Höhenwachstum mit etwa 100 Jahren ab.
Sie kann 500 bis 600 Jahre alt werden.

Bei kaum einer wirtschaftlich bedeutenden Baumart liegen Spitzenleistung und
Misserfolg so nah beieinander, und ihre Empfindlichkeit gegenüber
Umweltveränderungen gilt auch bezüglich der waldbaulichen Behandlung. In
gleichaltrigen Wirtschaftswald können Tannenbestände auf guten Standorten bei
einer Umtriebszeit von 120 Jahren eine Gesamtproduktion an Schaft-Derbholz von
mehr als 2000 m³/ha leisten. Der jährliche Derbholzzuwachs pro Hektar erreicht
Werte bis zu 26 m³. Reine Tannenbestände von bester Ertragsart leisten bis zum
Alter von 90 bis 100 Jahren durchschnittliche Zuwachswerte von mehr als 18 m³
pro Jahr und Hektar.

Tannenreiche Bestände gehören zu den vorratsreichsten und produktivsten
Wäldern Europas. In Urwaldbeständen mit hohem Tannenanteil werden maximale
Vorratswerte von 1366 m³/ha erreicht. Die Weiß-Tannen mit mediterranen
Verbreitung entwickeln sich immer zu hochwachsenden vorratsreichen Wäldern.
Einzelbäume von mehr als zwei Meter Brusthöhendurchmesser finden sich in
Kalabrien und auf Korsika. Die größten Tannen sind aus dem Nationalpark
Biogradska Gora in Montenegro beschrieben (60 m Höhe, 202 cm
Brusthöhendurchmesser und 54 m³ Stamminhalt).

Die sensible Baumart erfordert aber eine ökologisch-biologisch ausgerichtete
Behandlung zur Dauerstabilisierung und Aufrechterhaltung der Vitalität, um in
naturnahen Wirtschaftswäldern fortzukommen. Ein lokales Aussterben ist schon
allein durch die Wildfrage nicht zu verhindern. Das Tannensterben an sich kann
aber durch günstige Herkunfts-Auswahl eingedämmt werden. Diese werden bei
Neupflanzungen berücksichtigt. Insbesondere werden trockenresistente Tannen aus
Kalabrien und Korsika von verschiedener Seite empfohlen.

Kulturelle Bedeutung


Für Völker, wie Kelten und Germanen war die Tanne ein Baum von
außergewöhnlicher magischer Kraft, sie galt als Sinnbild der Stärke und der
Hoffnung. Schon in vorchristlicher Zeit stellte man zur Wintersonnenwende einen
Tannenbaum auf. Im Jahr 1539 soll der erste christliche Weihnachtsbaum im
Straßburger Münster gestanden haben. Diese Sitte hat sich seitdem über ganz
Deutschland und darüber hinaus verbreitet. Als Christbaum werden Tannen
bevorzugt.






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